Was ist Tradition?

Mag. Michaela Noseck, Kultur- und Sozialanthropologin

Mit dem Begriff "Tradition" werden verschiedene Vorstellungen verbunden. Während manche die Bewahrung eines authentischen Traditionsgutes vor Augen haben und einer als kühl und befremdlich empfundenen modernen Gesellschaft die Idee "traditioneller Werte" entgegenstellen, denken andere eher an die Ausstattung von Museen oder Brauchtumsveranstaltungen, die zwar regionalen Traditionen entsprechen, im Alltag aber kaum eine Rolle spielen. Gelebte Traditionen, die Neues und Fremdes integrieren, über eine Musealisierung und Ästhetisierung hinausgehen und im Alltag praktischen Nutzen haben, werden jedoch selten thematisiert.

Das Konservieren von Traditionen

In einem konservativen Verständnis werden Traditionen der Moderne gegenübergestellt, Bilder von vergangenen Zeiten romantisiert und idealisiert. Besonders problematisch werden diese Konstruktionen der Vergangenheit dann, wenn sich selbsternannte BewahrerInnen einer Tradition bemächtigen. Hand in Hand mit dem exklusiven Anspruch, eine Tradition unverändert festhalten zu können, geht die Konzentration auf ein bestimmtes, scheinbar „echtes“ Traditionsmaterial. Werden Traditionen als das Immer-so-Gewesene interpretiert, geht die zentrale Bedeutung des dynamischen Prozesses des Weitergebens und Handelns verloren.

Die Betonung von Weitergabe und Wandel

Wir leben heute nicht – wie viele befürchten – in einer Gesellschaft, die ihr bewährtes Erfahrungswissen verloren hat, sondern in einer multitraditionalen Gesellschaft. Traditionen werden im alltäglichen Handeln verändert, wandeln sich unablässig, entstehen neu, werden aber auch über Bord geworfen, wenn sie für die Akteure im Alltag keinen Nutzen mehr haben. Bisweilen fällt es schwer, an diesem dynamischen Prozess Kontinuität zu erkennen, und doch ist es die Wechselwirkung von historisch Überliefertem und ständigem Wandel, die es uns erlaubt, von Traditionen zu sprechen.

Traditionelles Wissen oder Erfahrungswissen als Teil des immateriellen Kulturerbes

Die Welt erfindet sich nicht jeden Tag von Grund auf neu. Menschen werden in eine Gemeinschaft hineingeboren oder aufgenommen und lernen in ihrer Sozialisation die Spielregeln einer Gesellschaft. Wir ändern oder umgehen sie, wenn sich die Umstände verändern, aber wir orientieren uns dabei an dem, was wir schon wissen und verinnerlicht haben. Dieses verinnerlichte Erfahrungswissen ermöglicht es uns, Lösungsstrategien zu entwickeln, um mit Herausforderungen im Leben erfolgreich umgehen zu können. Dementsprechend kann auch immaterielles Kulturerbe nicht in der Zeit eingefroren werden. Es besteht gerade deswegen, weil es übernommen, den momentanen Lebensumständen angepasst und weitergegeben wird.

Das 3 – Generationen – Modell

Entgegen der Vorstellung, es bräuchte eine jahrhundertelange Kontinuität, um von traditionellem Wissen sprechen zu können, bedarf es wesentlich kürzerer Zeiträume. In erster Linie braucht es, um aus der Handlung des Hinüberreichens eine Tradierung zu machen, Wiederholung: Eine Person am Anfang einer Überlieferungskette gibt ihr gelebtes Erfahrungswissen einem/r NachfolgerIn weiter. Diese/r gibt das erhaltene Wissen – durch seine praktische Anwendung zu Erfahrungswissen gemacht – wiederum an eine dritte Generation weiter, die das erlangte Wissen anzuwenden beabsichtigt. Dabei ist weder die Weitergabe des Erfahrungswissens auf familiäre Nahverhältnisse beschränkt, noch die Suche nach einer „authentischen, originalen“ Tradition von Bedeutung. Steht die Dynamik und die Anwendung von Wissen im Zentrum des Interesses, ist die Verführung, „echte“ und „unverfälschte“ Traditionen identifizieren und bewahren zu wollen, gebannt.

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