Traditionelle und komplementäre Heilmethoden in Österreich

Mag. Michaela Noseck, Sozial- und Kulturanthropologin

Im Dezember 2007 wurde mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit und der Austria Stiftung der UNIQA Versicherung ein Projekt zur Erhebung traditioneller und komplementärer Heilmethoden in Österreich unter der Leitung der Kulturanthropologin Mag. Michaela Noseck ins Leben gerufen, um die Grundlagen für ein späteres Dokumentations- und Informationszentrum zu schaffen.

Die Ausgangssituation

Die WHO (World Health Organization) berichtet in der Traditional Medicine Strategy 2002-2005 von einem steigenden Gebrauch komplementärmedizinischer und traditioneller Heilverfahren weltweit –
einem Trend, der angesichts der zahlreichen und vielfältigen Angebote für Anwendungen, Seminare und Ausbildungen und der umfangreichen Literatur in diesem Bereich auch auf Österreich zutrifft. Allerdings gibt es bis dato keinen entsprechenden Überblick.

Wenn im öffentlichen Diskurs von traditionellen und komplementären Heilmethoden die Rede ist, so wird in erster Linie auf die Verwendung von Pflanzen, Kräutermischungen, mineralischen und seltener tierischen Mittel Bezug genommen. Fragen rund um Sicherheit und Risikobewertungen, medizinische Studien und die naturwissenschaftliche Erforschung der Inhaltsstoffe sowie ihrer Wirkungen stehen im Zentrum.

Das komplementäre Angebot und traditionelle Heilmethoden weisen darüber hinaus Aspekte auf, die unser Eingebundensein in psychosoziokulturelle Kontexte berücksichtigen und zudem auch spirituelle Komponenten integrieren, die in den heute etablierten Medizinsystemen keinen Platz mehr haben.

Der Forschungsansatz

Um den vielfältigen kulturell generierten Bedeutungen von theoretischen Ansätzen und praktischen Handlungen im Bereich traditioneller und komplementärer Heilmethoden nachzugehen, werden zunächst die Diskurse zu den einzelnen beforschten Methoden analysiert. Das bedeutet, historischen Entwicklungen nachzuspüren, AnwenderInnen zu ihren Erklärungsmodellen und Erfahrungen zu befragen und – wenn möglich – KlientInnen zu bitten, von ihren Erlebnissen zu berichten.

Sofern vorhanden werden medizinische Studien angeführt und Stellungnahmen und Arbeiten aus dem Bereich der Naturwissenschaften mit den Erklärungsmodellen der AnwenderInnen verglichen, um schließlich offene Fragen zu formulieren und eine Interpretation aus medizinanthropologischer und damit humanwissenschaftlicher Sicht anzubieten, die auf die kulturellen Bedeutungen der diskutierten Methoden und Erklärungsmodelle eingeht.

Was mit einem naturwissenschaftlichen Ansatz vielleicht nicht nachvollziehbar ist, besonders wenn es um jene offenbar so wichtigen spirituellen Erfahrungen für die Heilwerdung, aber auch um rituelle Bedeutungen geht, kann der Mehrwert einer kulturwissenschaftlicher Perspektive sein.

Projektschwerpunkte

Die komplementären und traditionellen Heilmethoden können aufgrund ihrer Vielfalt, ständigen Veränderungen und Weiterentwicklungen mittlerweile kaum mehr überblickt werden. Auf mehreren Ebenen werden daher Konzepte zur Zuordnung der einzelnen Methoden zu Überkategorien entwickelt, wobei Mehrfachzuordnungen möglich sind. So soll eine erste Unterscheidung bezüglich der Erklärungsmodelle, der wahrscheinlichen Wirkfaktoren und der Anwender/Selbstversorgung erleichtert werden.
Traditionelles Wissen zur Selbstversorgung, wie es etwa bei einfachen Hausmitteln in Familien weitergegeben werden kann, aber auch Expertenwissen wird hinsichtlich der Frage, inwiefern es sich verändert hat und bei welchen Problemstellungen es für die Menschen heute relevant ist oder sein kann, behandelt. Die Praxis zeigt, dass es keine abgeschlossenen traditionellen Heilmethoden gibt, die unveränderlich fortbestehen, vielmehr werden neue Ideen und Einflüsse aus anderen Gesellschaften integriert, sodass eine Erweiterung auf komplementäre Heilmethoden sinnvoll erscheint. So können auch bei ganz rezent in den Blickpunkt gekommenen Methoden häufig bereits länger bestehende Ideen und gemeinsame Strukturen mit älteren Vorläufern erkannt werden, wodurch das Verständnis dazu erleichtert werden kann.

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