Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Österreichische Gebärdensprache

Antragsteller: Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes
Bundesland: Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Wien
Bereich: Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen
Aufnahmejahr: 2013

Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) bildet das soziale und kulturelle Fundament der österreichischen Gebärdensprachgemeinschaft. Sie ist die Muttersprache gehörloser Menschen in Österreich und somit ein wesentlicher Teil ihrer Identität. Seit 2005 ist die ÖGS rechtlich als eigene Sprache anerkannt, jedoch verstehen sich deren AnwenderInnen noch immer als sprachlich-kulturelle Minderheit in Österreich. Die ÖGS wird hauptsächlich von gehörlosen Personen gesprochen und vereinzelt auch von hörenden Menschen als zusätzliche Sprache erlernt. Sie wird österreichweit verwendet und beinhaltet Dialekte, die sich durch regionale Spezifika auszeichnen. Bereits im Jahr 1779 wurde in Wien die erste Gehörlosenschule gegründet. Seither wird die Sprache in entsprechenden Schulen, Vereinen und Familien gepflegt und überliefert. Zudem wird sie in Form von Poesie, Theater und darstellender Kunst übermittelt.

Die Österreichische Gebärdensprache ist eine visuell-gestische Sprache und ist die Muttersprache der gehörlosen Menschen in Österreich. Entstanden aus den kommunikativen und sozialen Praktiken der Gehörlosengemeinschaft, ist sie ein wichtiges identitätsstiftendes Merkmal der Gehörlosengemeinschaft.
Von Beginn an hatte die ÖGS mit einigen Herausforderungen zu kämpfen, zum Beispiel durch gezielte Unterdrückung im Schulwesen. Aufgrund der Weitergabe der Sprache innerhalb der Gehörlosengemeinschaft konnte die ÖGS trotz der vorherrschenden Situation weiterentwickelt werden. Des Weiteren konnten sich bereits 1865 institutionalisierte Gehörlosenvereine in Österreich verfestigen und das Überleben der ÖGS ermöglichen. Mittlerweile konnte sich die ÖGS - zusätzlich zum Unterricht in Kindergärten, Schulen und Weiterbildungsinstitutionen - als Unterrichtsfach an verschiedenen Universitäten etablieren. Die dokumentierbaren Prozesse des Sprachwandels der ÖGS stellen zusätzlich einen wichtigen Teil der Kulturgeschichte dar.
Der sogenannte „visuelle Zugang“ zur Realität, der mit der ÖGS möglich wird, ist einerseits ein interessanter Forschungsgegenstand, andererseits kann er tatsächlich „nichthörende“ Perspektiven der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung bieten, was die kulturelle Vielfalt fördert und spezielle Beiträge zur Kreativität und GebärdensprachbenutzerInnen liefert.
Einer weiteren Herausforderung musste sich die ÖGS stellen, als in den 1990er Jahren gehörlose Kinder vermehrt mit einem Cochlea-Implantat ausgestattet wurden. Dies hatte zur Folge, dass immer weniger Menschen die Gebärdensprache erlernten, und die Gemeinschaft der Gehörlosen sich stetig verkleinerte.
Gegenwärtig arbeitet der Österreichischen Gehörlosenverband (ÖGLB) mit akademischen Institutionen an der Standardisierung und sprachpolitischen Absicherung der ÖGS. Lehr- und Lernmaterialien sollen den Fortbestand der ÖGS ebenso absichern wie die Verankerung als Bildungssprache und der Einsatz gehörloser LehrerInnen. Weitere Maßnahmen der Bewusstseinsbildung und der Sicherung der Weitergabe der ÖGS sind unter anderem die Abhaltung eines Bildungskongresses zum Thema „Mehrsprachigkeit und Gebärdensprache“, das Lobbying für bilinguale/bikulturelle inklusive Bildung in den Gehörlosenschulen und im Regelschulsystem sowie die verstärkte Ausbildung von Kindern gehörloser Eltern (CODA) für den Dolmetschberuf.


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