Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Wissen um die Standorte, das Ernten und das Verarbeiten des punktierten Enzians

Antragsteller: Gemeinde Galtür, Bürgermeister LR Anton Mattle
Bundesland: Tirol
Bereich: Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum
Aufnahmejahr: 2013

Das Wissen um die Standorte, das Ernten und das Verarbeiten des Punktierten Enzians (gentiana punctata) wird in der Tiroler Gemeinde Galtür seit Jahrhunderten weiter gegeben. In den Prozess der Ernte – das Graben und Stechen der kostbaren Wurzel – sowie der Weiterverarbeitung – das Brennen des „Enzer“-Schnaps – ist meist die gesamte Bevölkerung eingebunden. Bis heute wird durch Losentscheid jährlich beim Kirchtag festgelegt, welche Familien an der Wurzelgewinnung teilnehmen und den Schnaps brennen dürfen. Seit dem 17. Jahrhundert garantieren lokale Reglementierungen des Wurzel-Sammelns und allgemeine Naturschutzbestimmungen den nachhaltigen Bestand dieser seltenen Enzianart.

Im Hochgebirge von Galtür wird das Enzianstechen und Enzian-Schnapsbrennen nach Jahrhunderte langer Tradition betrieben. Schon im 16. Jahrhundert wird der Enzianschnaps, auch als „Enzer“ bezeichnet, in einem botanischen Buch als wohltuende Magenarznei erwähnt.
Seitdem begegnete man im Hochgebirge sogenannten Wurzengräbern und Enzianklaubern. Für die meist aus ärmeren Bevölkerungsschichten entstammenden Klauber war dies ein wichtiger Zuerwerb. Neben dem Klauben wurde die Schnapsbrennerei aus den Wurzeln des Enzians ein sehr lukratives Geschäft. Dem Raubbau an den Enzianpflanzen, der damit einherging, begegnete man bereits im 17. Jahrhundert und es wurden Reglementierungen zum Graben des Enzians und zum Betreiben von Branntweinbrennereien erlassen.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte in Galtür das Enziangraben auch wirtschaftliche Bedeutung und der Enzian-Schnaps wurde auch in größeren Mengen verkauft. In den 1960er Jahren wurde aus Gründen des Naturschutzes die Ernte der Enzianwurzeln stark limitiert. Nur einmalig im Jahr, zum 1. Oktober, darf das Wurzelwerk der Enzianpflanzen gestochen werden. Per Losentscheid am Galtürer Kirchtag im September werden dreizehn Familien ausgewählt, die an der Ernte, welche auf einem 17.000ha großen Areal stattfindet, teilnehmen dürfen. Jene Familien, die per Los gezogen werden, sind für die folgenden drei Jahre gesperrt und können an der Verlosung nicht teilnehmen. Insgesamt dürfen 1300kg (100kg/Familie) Wurzeln pro Jahr gesammelt werden. Erst im Jänner werden dann in zwei Durchgängen die gehackten und eingemaischten Wurzeln zu Schnaps gebrannt. Aufgrund der starken Limitierung des Wurzelstechens hat auch der Schnaps einen besonderen Stellenwert und wird nur bei seltenen Anlässen oder als Medizin angeboten.

Das „Klaben“ der Enzianwurzel und Brennen des „Enzer-Schnapses“ sind stark in der Gemeinde Galtür verankert und werden meist im Familienverband betrieben. Der Losentscheid im September ist ein gesellschaftliches Ereignis. Die Ernte beginnt meist mit einem Fußmarsch auf die oberhalb von 2000 Metern über dem Meer gelegenen Gebiete, wo der punktierte Enzian zu finden ist. Anschließend werden die ausgegrabenen Wurzeln getrocknet und gereinigt. Das genaue Prozedere des Auffindens der Standorte, das Ausgraben und das Weiterverarbeiten wird dabei mündlich von der älteren an die jüngere Generation weitergegeben. Trotzdem sollen zur nachhaltigen Sicherung des Wissens die Bearbeitungstechniken definiert und dokumentiert werden. Zudem informiert seit 2005 das Ausstellungshaus Alpinarium in Galtür über den punktierten Enzian.


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