Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Wissen um die Lipizzanerzucht

Antragsteller: SHS/Bundesgestüt Piber
Bundesland: Steiermark
Bereich: Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum

Der Lipizzaner ist europaweit die einzige Repräsentationspferderasse, die seit der Renaissance ungebrochen nach traditioneller Art gezüchtet wird. Dahinter steht ein umfangreiches Wissen um Zucht, Haltung und Ausbildung der Pferde, das seit mehr als 400 Jahren von Generation zu Generation im Wesentlichen mündlich weitergegeben wird. Träger dieses Wissens in Österreich sind die MitarbeiterInnen des Bundesgestüts Piber, das seit 1920 Lipizzaner für die Spanische Hofreitschule in Wien züchtet. Alle stammen aus der Region um Piber und haben eine starke Bindung zu den Lipizzanern, was sich mitunter in der Entstehung einer eigenen Sprache zur Beschreibung der Pferde ausdrückt, etwa die „römische Nase“ betreffend. In direktem Kontakt mit den Pferden werden ‚die Gstütler‘ jahrelang von erfahrenen Routiniers ausgebildet. Die Basis der Weitergabe des Wissens bilden die Tagesbesprechungen, wo die Zuchtherde gemeinsam kontrolliert und laufend durchdiskutiert werden. Neben dem Gestütsbetrieb ist auch der internationale Austausch mit anderen Lipizzanergestüten essentiell, denn ein geschärfter "Züchterblick" erhält sich nur in der permanenten Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Vergangenheit.

Das für die Zucht der Lipizzanerpferde notwendige Wissen bezieht sich auf Zuchtprinzipien, artgerechte Pferdehaltung und Aufzucht, pferdegerechten Umgang, auf an klassischen Grundsätzen angelehnten Methoden der Ausbildung, aber auch auf die Schulung des Auges und Maßnahmen der Selektion. Dieser Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Schulungsprozess, der Jahre bis Jahrzehnte lange Ausbildung und Erfahrung voraussetzt, beginnt bei der täglichen Arbeit im Stall und setzt sich bis zu den Selektionsentscheiden und letztendlich bis zur Nutzung des Pferdes in der Hofreitschule fort. Aufzeichnungen zur Zucht werden seit mehreren hundert Jahren in Gestütbüchern gemacht. Dies erfolgt bis heute nach alter Tradition handschriftlich und in zweifacher Ausführung.

Die Aus- und Weiterbildung des Gestütspersonals erfolgt gegenseitig, durch die Arbeitseinteilung des Gestütsmeisters werden junge MitarbeiterInnen erfahrenen Routiniers zugeteilt, um von deren Wissen zu lernen. Die Ergebnisse der Zucht werden bei der täglichen Visite, bei der Musterung und Körung der dreijährigen Pferde (Auswahl von Hengsten f. die Hofreitschule und Stuten f. das Gestüt) und bei der Leistungsprüfung von Pferden zur Zulassung zur weiteren Zucht sichtbar. Die jährliche Leistungsprüfung, die Entsendung der Hengste zur Hohen Schule nach Wien sowie die gestütsinterne Pferdesegnung am 26. Dezember haben für die MitarbeiterInnen des Gestüts eine starke identitätsstiftende Wirkung, während die jährliche Herbstparade sowie der traditionelle Almabtrieb der Hengste zu Herbstbeginn der gesamten Region ein Gefühl von Identität und Kontinuität vermittelt.


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