Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Erfahrungswissen im Umgang mit der Lawinengefahr

Antragsteller: Alpinarium und Gemeinde Galtür, Lawinenkommission Gargellen, Montafoner Museen, Österreichischer Alpenverein, Österreichischer Berg- und Schiführerverband
Bundesland: Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg
Bereich: Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum

Der alpine Lebensraum fordert von seinen BewohnerInnen eine intensive Auseinandersetzung mit dem hochkomplexen Phänomen Lawine. Die Aneignung von Wissen über Lawinen ist seit Beginn der Nutzung des Alpenraums notwendig, um dort überleben zu können. Bis heute sind Lawinen nicht vollständig durch die Wissenschaft berechen- und vorhersagbar. Umso höher ist daher der Stellenwert von Erfahrungswissen im Umgang mit der Lawinengefahr. Dieses Erfahrungswissen ist zum Teil ortsbezogen und wird durch alpine Organisationen, innerhalb der Familie bzw. in der Schule weitergegeben. Der Erwerb von Wissen erfolgte in der Vergangenheit durch intensive Naturbeobachtung und den schmerzhaften Lernprozess nach Lawinenkatastrophen. Die Vermittlung und Tradierung dieses Erfahrungswissens geschah jahrhundertelang mündlich von einer Generation zur nächsten. Seit dem 20. Jahrhundert – verstärkt ab den 1950er Jahren – wird es von wissenschaftlichen Forschungen ergänzt. So hat sich im Laufe der Zeit der Schutz des Siedlungsraumes und der Verkehrswege sukzessive verbessert und das Wissen im Umgang mit der Lawinengefahr wird heute von lokalen und überregionalen Gemeinschaften in den Bereichen Sicherheit, Bildung, Technik und Rettungswesen vermittelt und angewendet.

Das Wissen um Lawinengefahren ist so alt wie die Besiedlung und Nutzung des Alpenraums. Die Überlieferung erfolgte vor allem mündlich innerhalb der Familien und betroffenen beruflichen Gemeinschaften (Jäger, Bauern etc.). Das Wissen manifestierte sich auch in Bauernregeln. Die Benennung von jährlich wiederkehrenden Lawinen nach den örtlichen Flur- und Hofnamen drückt eine starke Beziehung zum Naturereignis Lawine aus. Schriftliche Aufzeichnungen zu Lawinen gibt es im Alpenraum seit dem 17. Jahrhundert, dokumentiert wurden vor allem Schadenslawinen. Im Montafon beispielsweise gibt es über 200 Jahre Aufzeichnungen über Lawinenkatastrophen, sogenannte Lawinenbriefe, die jeweils die Zahl der Schäden und Toten festhielten. Diese Lawinenbriefe wurden und werden beispielsweise in Vorarlberg heute noch in den Schulen verwendet, um Kinder für die Lawinengefahr zu sensibilisieren.
Eine Institutionalisierung des Wissens im Umgang mit der Lawinengefahr fand bereits Anfang des 20. Jahrhunderts statt, seit 1902 etwa können BergführerInnen Lawinenausbildungskurse belegen. Allgemein herrscht international Konsens darüber, dass das in Ausbildungen vermittelte Regelwissen allein nicht ausreicht, sondern unbedingt durch lokales Erfahrungswissen ergänzt werden muss. Dieses Erfahrungswissens wurde in der Vergangenheit in jahrelangem Austausch zwischen erfahrenen und angehenden BergführerInnen vermittelt.
Die zunehmende touristische Nutzung des alpinen Raums und die anhaltende Begeisterung für Schneesport brachten in den letzten Jahrzehnten eine völlig neue Zielgruppe hervor, die heute den Großteil der Lawinenopfer ausmacht und deren Schutz eine neue Herausforderung darstellt. Die Zahl von im Schnitt 25 Lawinentoten pro Jahr in Österreich ist für die eingebundenen TraditionsträgerInnen ein klarer Auftrag, das Wissen über Lawinen zu erweitern und geeignete Maßnahmen zu setzen.


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