Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Dreistufenlandwirtschaft im Bregenzerwald

Antragsteller: Michael Moosbrugger i.V. Verein zur Förderung der Bregenzerwälder Käsekultur
Bundesland: Vorarlberg
Bereich: Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum
Aufnahmejahr: 2011

Da das silofreie Futter aus den hofeigenen Flächen bei den meisten im Bregenzerwald angesiedelten bäuerlichen Betrieben nicht ausreicht, um das Vieh ganzjährig zu versorgen, bedienen sich die Bregenzerwälder Bäuerinnen und Bauern bis heute einer altbewährten Bewirtschaftungsform, der so genannten Dreistufenlandwirtschaft. Im jahreszeitlichen Kreislauf der Dreistufenlandwirtschaft ziehen die Familien oder ein Teil der Familie im Spätfrühling mit dem Vieh vom Hof zuerst auf das Vorsäß (eine niedrig gelegene Alm) und etwa Anfang Juli auf die Alpe.

Mitte September kehren alle mit einem feierlichen Alpabtrieb wieder zurück auf die Vorsäß oder ins Tal zu den Heimbetrieben. Durch den Verzicht auf gärende Futtermittel kann aus der Milch der auf diese Weise gehaltenen Tiere die so genannte Heumilch gewonnen werden, welche unter anderem zur Herstellung der traditionellen Bregenzerwälder Käsesorten unverzichtbar ist.

Die Dreistufenlandwirtschaft ist in allen 24 Gemeinden des Bregenzerwaldes von Bedeutung. Sie ist ein fester Bestandteil des Kulturerbes der Familien, die auf diese Weise ihre Höfe bewirtschaften. Aber auch für alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner des Bregenzerwaldes ist die Dreistufenlandwirtschaft wichtig: einerseits wegen der regionalen kulinarischen Produkte aus Milch und Käse, die durch diese traditionelle Bewirtschaftungsform erst möglich werden, und andererseits wegen der Feste und Bräuche (Alpaufzüge, Alpabtriebe, Alpmessen, Alpfeste, Käsemärkte, etc.), die in engem Zusammenhang mit der Dreistufenlandwirtschaft stehen.

Das Wissen um die Bewirtschaftung der Weideflächen mittels Dreistufenlandwirtschaft wird seit Generationen innerhalb der Bauernfamilien durch Vorzeigen, Vorleben und mündliche Überlieferung weitergegeben. Männliche Jugendliche aus der Familie oder aus dem Bekanntenkreis beginnen als „Pfister“ die Alpwirtschaft von den Erwachsenen zu lernen. Später werden aus diesen „Pfistern“ dann oft Hirten, Senner oder Alpmeister.

Die Technik der Dreistufenlandwirtschaft kam etwa im 14. Jahrhundert mit den nach Vorarlberg ausgewanderten Walsern aus dem Kanton Wallis in der Schweiz in das Gebiet des heutigen Bregenzerwaldes. Allerdings hat sich vor allem im letzten Jahrhundert ein merklicher Wandel bemerkbar gemacht: war es bis in die 1950er Jahre üblich, dass ganze Familien mit Kindern und teilweise sogar mit Lehrern auf die Vorsäß zogen, so sind es heute meist nur mehr einzelne Familienmitglieder. Auch fand eine Anpassung an den heutigen Stand der Technik statt, und viele Vorsäße sind problemlos mit Fahrzeugen zu erreichen, was zu einer Halbierung des Personalstands im Vergleich zu den 1950er Jahren führte.

Auch wenn die technische Ausgestaltung der Dreistufenlandwirtschaft einem stetigen Wandel unterworfen ist, so gibt es doch eine starke Kontinuität, da diese landwirtschaftliche Praxis per se seit Jahrhunderten kaum verändert wurde.

Unmittelbar mit der Alpung verbunden ist die Pflege und der Erhalt der Kulturlandschaft. Die regelmäßige Bealpung verhindert die Verbuschung und Verkrautung von Alpwiesen und Berghängen. Der Tritt der Kühe auf steilen Hanglagen kann zudem Hangrutschungen, Murenabgängen und Lawinen verbeugen.

Der Antragsteller sieht mehrere Bedrohungen des Elements: Einerseits animiert der Verfall des bäuerlichen Images viele Landwirtinnen und Landwirte, in einen anderen Beruf zu wechseln und den landwirtschaftlichen Betrieb aufzulassen. Andererseits droht das Verschwinden der Dreistufenlandwirtschaft durch eine Umstellung der Betriebe auf die weniger aufwändige Silowirtschaft, was allerdings die Herstellung der traditionellen Bregenzerwälder Milch- und Käseprodukte unmöglich machen würde.


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