Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Mullen und Matschgern in den MARTHA-Dörfern

Antragsteller: Martin Kapferer i.V. Gemeinschaft der Muller und Matschgerer der Stadtteile Mühlau und Arzl bzw. der Dörfer Rum, Thaur und Absam
Bundesland: Tirol
Bereich: Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste
Aufnahmejahr: 2011

Der in der Fastnacht praktizierte Brauch des Mullens beziehungsweise Matschgerns (von Maske/Maskieren) blickt in den MARTHA-Dörfern nördlich von Innsbruck auf eine jahrhundertelange Tradition zurück. Als Hauptfiguren bei diesen Umzügen treten die Hexen, Melcher, Spiegeltuxer, Zaggler und Zottler auf, welche durch diverse Nebenfiguren ergänzt werden. Jeder Figur kommt eine spezielle Rolle zu, so fungieren die Hexen als Wegbereiter, andere Figuren wie etwa der Spiegeltuxer beeindrucken durch ihr imposantes Auftreten und wieder andere sind als Ordnungshüter tätig. Das ausgelassene und bunte Treiben gipfelt im so genannten Mullen oder Abmullen, einer Art Ehrbezeugung, bei der sich der Brauchträger eine Person aus der Menge aussucht, ihre Schulter reibt und ihr einen kleinen Schlag versetzt. Das Mullen beziehungsweise Matschgern findet einerseits im kleinen Rahmen in Bauern- und Wirtshäusern statt, andererseits auch in den Gassen der Dörfer selbst.

Das Mullen beziehungsweise Matschgern wird in den MARTHA-Dörfern (Mühlau, Arzl, Rum, Thaur und Absam) in und bei Innsbruck praktiziert und bildet einen immanenten und lebendigen Bestandteil des dortigen Brauchtums in der Fastnachtszeit. Eingebunden sind in erster Linie die Brauchtumsgruppen und -vereine der einzelnen Dörfer sowie verschiedene Musikkapellen, Schützen oder die Freiwillige Feuerwehr. Auch die Bevölkerung nimmt aktiv an den Vorbereitungen für die Umzüge teil und verfolgt das bunte Treiben als Publikum.

Die Schulen und Gemeinden organisieren Informationsveranstaltungen für Kinder und Jugendliche, um bereits den Jüngsten den Brauch des Mullens beziehungsweise Matschgerns näherzubringen. Eine wichtige Rolle in der Tradierung kommt auch den Familien zu, die dafür sorgen, dass ihre Kinder mit dem Brauch aufwachsen und Verständnis dafür entwickeln.

Beim Mullen beziehungsweise Matschgern handelt es sich um ein lebendiges Element der Volkskultur, welches fortwährend neu gestaltet wird. Bei den Umzügen wird neben überlieferten, alten Motiven auch immer wieder auf Zeitgemäßes zurückgegriffen. Aktuelle Geschehnisse aus dem Dorfleben, aber auch aus der nationalen oder sogar Weltpolitik werden szenisch aufbereitet und fließen in die Aufführungen ein.

Die einzelnen AkteurInnen üben den Brauch mit großer Leidenschaft aus und identifizieren sich damit. Auch für die restliche Bevölkerung bildet das Mullen beziehungsweise Matschgern ein Identifikationssymbol. Ebenso ist von einer hohen Kontinuität zu sprechen. Die wesentlichen Elemente des Mullens beziehungsweise Matschgerns wurden trotz fortwährender Neugestaltung beibehalten.

In der Ehrbezeugung des Abmullens kommt es zu einer Verbindung zwischen BrauchträgerIn und Publikum. Es handelt sich also um ein integratives Element. Während es viele Jahrzehnte lang eine Art Konkurrenzhaltung zwischen den verschiedenen Brauch ausführenden Gemeinden gab, so wird das Mullen beziehungsweise Matschgern heute gemeinschaftlich realisiert.

Gefährdet ist das Mullen beziehungsweise Matschgern in erster Linie durch die Kommerzialisierung durch Gruppen in Dörfern des mittleren Inntals, wo der Brauch traditionell nicht verankert ist. Diese Gruppen halten sich zum Teil nicht an die überlieferten Richtlinien und Vorgehensweisen beim Mullen. Touristische Bestrebungen in den MARTHA-Dörfern sind nicht zu beobachten.

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